Die perkutane Nadelfasziotomie ist mein erster Weg, weil sie schonend und wiederholbar ist. Doch sie hat Grenzen. Es gibt Befunde, bei denen die Nadel nicht mehr sicher zum Ziel führt – und dann ist die offene Operation bei komplexem Dupuytren nicht das Scheitern der schonenden Methode, sondern der richtige nächste Schritt.
Wann das so ist, zeigt dieser Fallbericht. Zur Methode selbst: perkutane Nadelfasziotomie.
Nicht jeder Dupuytren-Befund eignet sich für die Nadel. Drei Dinge lassen mich zur offenen Operation wechseln:
Wenn sich kein Strang mehr abgrenzen lässt. Solange ein einzelner, tastbarer Strang klar unter der Haut liegt, kann die Nadel ihn gezielt durchtrennen. In fortgeschrittenen Fällen ist die betroffene Zone jedoch regelrecht „ausgemauert“: Das erkrankte Gewebe durchsetzt den ganzen Bereich, ohne dass sich ein einzelner Strang noch herauslösen ließe. Dann fehlt der Nadel das definierte Ziel.
Wenn die Hautqualität nicht mehr mitspielt. Zwischen Haut und Strang liegt normalerweise eine dünne Fettschicht, auf der die Haut gleitet – genau diese Verschieblichkeit braucht die Nadel. Hat die Erkrankung dieses Unterhautfett von innen so verdrängt, dass Strang und Haut übergangslos ineinandergreifen, fehlt diese Gleitschicht. Dann ist die Nadel nicht mehr sinnvoll, und die Haut muss bei der offenen Operation oft mitversorgt werden.
Wenn ein Nerv direkt im Weg liegt. Die Nadelfasziotomie ist bewusst ein Eingriff ohne direkte Sicht – der Operateur arbeitet nach Gefühl, im Grunde blind. Sicher wird sie durch den wachen Patienten: Ich sage ihm vorher, dass ein Nerv in der Nähe liegen kann, und genau deshalb brauche ich ihn wach. Kommt die Nadel einem Nerv zu nahe, meldet sich das sofort als kurzer, einschießender Schmerz – und ich weiche aus. Ein solcher Kontakt ist unbedenklich; dauerhafte Nervenschäden sind sehr selten. (Eine Ultraschalluntersuchung mit Farbdoppler kann die Gefäße und damit indirekt die Nervenbahnen vorab sichtbar machen – das ist aber noch kein Standard.) An eine echte Grenze stößt dieses Vorgehen erst dort, wo ein Nerv aus seiner Bahn verlagert direkt über dem Strang liegt, den ich durchtrennen muss – so wie in diesem Fall. Dann lässt sich auch mit dem wachen Patienten nicht mehr blind sicher arbeiten, und erst die direkte Sicht der offenen Operation schützt den Nerv zuverlässig.
Bei der offenen Operation (einer begrenzten Fasziektomie) wird das erkrankte Gewebe unter direkter Sicht entfernt. Der entscheidende Gewinn ist die Kontrolle: Nerven und Gefäße lassen sich gezielt darstellen und schonen, während der Strang entfernt und die Fingerbeweglichkeit wiederhergestellt wird. Es wird nicht mehr entfernt als nötig – aber das, was entfernt wird, geschieht unter Blickkontrolle statt im Verborgenen.
Der Beitrag zeigt einen langjährigen Dupuytren-Patienten mit fortgeschrittener Beugestellung und komplexen Strangbildungen. Eine weitere Nadelfasziotomie wäre hier mit erhöhtem Risiko verbunden gewesen, da ein Nerv im Operationsgebiet direkt über dem Strang verlief. Deshalb wurde erstmals offen operiert, um das erkrankte Gewebe unter Sicht sicher zu entfernen und die Beweglichkeit zu verbessern. Ein zusätzlicher plastisch-chirurgischer Schritt löste ein Problem, das bei fortgeschrittenen Fällen typisch ist: Streckt man den lange gebeugten Finger wieder, reicht die Haut an der Beugeseite oft nicht aus – gerade am Grundglied nahe dem Grundgelenk. Statt die Wunde unter Spannung zu verschließen, habe ich Haut von der Seite des Fingers dorthin verlagert (fachlich: ein ulnar und proximal gestielter Transpositionslappen). So bleibt die neu gewonnene Streckung erhalten und wird nicht gleich wieder durch einen zu engen Hautmantel eingeschränkt.
Kein Verfahren ist für alles das beste. Die Nadel steht am Anfang, weil sie schonend und wiederholbar ist; die offene Operation ist der sichere Weg, wenn Schweregrad oder Anatomie sie verlangen. Diese Abstufung – erst minimalinvasiv, dann, wenn nötig, offen unter Sicht – ist der rote Faden meiner Behandlung. Einen Überblick über alle Verfahren gibt der Beitrag OP, Nadel oder Spritze?.
☝️ Morbus Dupuytren "Fall der Woche Nr. 2“ #gutlebenmitdupuytren
Gut leben mit Dupuytren 4. Oktober 2020 12:16