Am 12. Mai 2018 kamen im Bürgersaal der Kerscher-Stiftungen am Klinikum Nürnberg Nord Handchirurgen, Strahlentherapeuten und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland zum 12. Nürnberger Frühjahrssymposium zusammen. Dieses Dupuytren-Symposium richteten die Deutsche Dupuytren-Gesellschaft e. V. und das Klinikum Nürnberg gemeinsam aus. Die wissenschaftliche Leitung lag bei mir als Tagungspräsident und bei Dr. Wolfgang Wach, dem 1. Vorsitzenden der Deutschen Dupuytren-Gesellschaft. Vom Dupuytren-Symposium sind neun Vorträge als Video erhalten; ihre Kernaussagen fasse ich unten zusammen.
Rund zehn Jahre zuvor war der Morbus Dupuytren wieder stärker in den Blick der Fachwelt gerückt. Mit der perkutanen Nadelfasziotomie und später der enzymatischen Fasziolyse hatten sich minimalinvasive Verfahren verbreitet. Sie ergänzten das klassische Behandlungsspektrum, in dem resezierende Operationen weiterhin dominierten. Das Symposium stand unter dem Leitmotiv „Nichts ist beständiger als der Wandel“. Es führte in vier Blöcken durch die Behandlungsstrategien: Woher wir kommen, was wir wissen, was wir uns fragen und wohin wir wollen.
Neben führenden deutschen Handchirurgen sprachen Prof. Paul Werker aus Groningen über fast zwei Jahrzehnte evidenzbasierter Dupuytren-Forschung und Prof. Giorgio Pajardi aus Mailand über schwierige Fälle. Charles Eaton, Gründer der Dupuytren Foundation in den USA, stellte gemeinsam mit Prof. Peter Hahn Muster des Morbus Dupuytren an der Hand vor.
Meinel eröffnete mit einer kritischen Bestandsaufnahme: Trotz intensiver Grundlagenforschung ist der Morbus Dupuytren nicht heilbar, und die Langzeitergebnisse der Operation haben sich über Jahrzehnte kaum verbessert. Echten Wandel sieht er vor allem durch die minimalinvasiven Verfahren. Sie haben das Behandlungsspektrum erweitert, die Akzeptanz bei Patienten erhöht und eine neue, langfristige Begleitung der Patienten ermöglicht. Zugleich stellte er gängige Lehrbuchdarstellungen der Handanatomie infrage und zeigte Fälle, in denen sich Knoten und Stränge nach einer Nadelfasziotomie zurückbildeten.
Video ansehenLanger führte anhand anatomischer Präparate durch die Faserzüge von Hohlhand und Fingern und zeigte, welche Strukturen wie häufig von der Erkrankung erfasst werden. Besonderes Augenmerk galt den Gefahrenstellen bei der Operation, etwa dem Spiralstrang, der das Gefäß-Nerven-Bündel aus seiner gewohnten Lage verdrängen kann. Das Fazit, vom Vorsitz ausdrücklich unterstrichen: Genaue Anatomiekenntnis ist die Grundlage jeder Dupuytren-Behandlung, gleich mit welchem Verfahren.
Video ansehenRichter ordnete die etablierten Verfahren ein. Die radikale Entfernung der Palmaraponeurose hat das Rezidivrisiko nicht gesenkt, wohl aber die Komplikationen erhöht. Goldstandard der offenen Behandlung ist daher die partielle Fasziektomie; die Dermofasziektomie bleibt Rezidiven und aggressiven Verläufen vorbehalten. Die Nadelfasziotomie eignet sich vor allem bei gut tastbaren, abgrenzbaren Strängen am Grundgelenk. Sie ist rasch überstanden und wiederholbar, geht aber häufiger mit Rezidiven einher. Ausführlich zeigte er Hautplastiken zum Längengewinn und betonte: Die Nachbehandlung ist genauso wichtig wie die Operation.
Video ansehenLukas stellte die 1964 von McCash beschriebene Open-Palm-Technik vor. Der quere Schnitt in der Hohlhand bleibt offen und heilt in etwa vier bis sechs Wochen von selbst. Vorteile sind weniger Blutergüsse, geringere Schmerzen und Schwellung sowie eine sofortige Mobilisierung. Voraussetzung ist ein Patient, der bereit ist, eine Zeit lang mit der offenen Wunde zu leben. In fortgeschrittenen Stadien kombiniert Lukas die Technik mit lokalen Lappenplastiken, wie er an mehreren Verläufen zeigte.
Video ansehenDie Bestrahlung hemmt die wuchernden Bindegewebszellen und wirkt entzündungshemmend. Sie kommt aber nur im Frühstadium infrage: bei Knoten und Strängen mit objektiv nachgewiesener Zunahme über mehrere Monate und höchstens geringem Streckdefizit. Da viele Knoten ohnehin kaum fortschreiten, ist nicht jeder Knoten eine Indikation. Langzeitdaten, darunter eine randomisierte Studie aus Essen, sprechen in diesem Stadium für eine deutliche Bremsung der Erkrankung. Für eine Bestrahlung nach Eingriffen fehlen dagegen noch belastbare Studien.
Video ansehenPajardi berichtete über den Einsatz der Kollagenase auch in schwierigen Fällen: mehrere Finger, mehrere Gelenke, Rezidive. Er unterschied klar zwischen der Erkrankung selbst und der begleitenden Gelenksteife, die eigens behandelt werden muss. In seiner großen eigenen Serie waren die Ergebnisse bei mäßigen Kontrakturen mit einem betroffenen Gelenk am besten. Wichtig waren ihm eine verteilte Injektionstechnik, eine Sedierung beim Aufdehnen und eine intensive handtherapeutische Nachbehandlung.
Video ansehenBaringer, damals mein Doktorand, stellte eine webbasierte Software vor, mit der Patienten ihre Fingerkontraktur selbst vermessen können: per Webcam, Tablet oder Smartphone, ohne Installation, direkt im Browser. Ziel ist, den günstigsten Behandlungszeitpunkt nicht zu verpassen, denn das langsame Fortschreiten bemerken Patienten oft erst spät. Erste Vergleichsmessungen mit dem klassischen Winkelmesser, an simulierten Kontrakturen und an Patienten, zeigten eine gute Übereinstimmung.
Video ansehenHahn wertete die über Jahre sorgfältig dokumentierten Daten von rund 2.300 Patienten aus Eatons Sprechstunde aus. Überraschend: In dieser Querschnittsauswertung schritt die Erkrankung bei frühem Beginn im Mittel langsamer voran. Eine familiäre Belastung bei Eltern und Geschwistern und weitere Manifestationen wie der Morbus Ledderhose traten gehäuft gemeinsam auf und gingen mit einem früheren Beginn einher, ein Hinweis auf die genetische Komponente. Einen möglichen Einfluss von Statinen nannte er ausdrücklich als offene Frage, nicht als Empfehlung.
Video ansehenWach widmete sich der nach wie vor umstrittenen Schienenbehandlung, zu der widersprüchliche Studien vorliegen. Anhand von Patientenverläufen, ausdrücklich als Beispiele und nicht als Beweis, zeigte er: Eine konsequent getragene Nachtschiene kann eine erneute Kontraktur über viele Jahre hinauszögern, und eine dynamische Streckschiene kann sogar Verbesserungen erreichen. Eine Pause von Tagen oder Wochen gefährdete das Ergebnis dabei nicht.
Video ansehenFunktionsangaben der Referenten: Stand 2018.
Manches, was auf dem Dupuytren-Symposium 2018 diskutiert wurde, sieht heute anders aus. Die enzymatische Fasziolyse mit Kollagenase ist in Europa inzwischen nicht mehr verfügbar. Die netzbasierte Verlaufsbeobachtung, die Dr. Magnus Baringer vorstellte, mündete 2020 in eine gemeinsame Veröffentlichung zur webbasierten Selbstmessung von Fingerkontrakturen. Die Frage der Schienung nach einer perkutanen Nadelfasziotomie beschäftigt mich bis heute in der Nachbehandlung. Dass gezielter, langsamer Zug selbst fortgeschrittene Kontrakturen lösen kann, zeigt der Beitrag Langsam ist besser. Wie sich die Verfahren nach heutigem Wissensstand vergleichen lassen, lesen Sie im Beitrag OP, Nadel oder Spritze?