Manche meiner Patientinnen und Patienten sagen mir schon an der Tür: „Herr Professor, beim letzten Mal ist mir ganz schwindelig geworden – ich habe Angst, dass das wieder passiert.“ Wenn Sie Angst vor der Nadelfasziotomie haben oder bei der letzten Behandlung mit Schwindel, Blässe oder Übelkeit reagiert haben, sind Sie damit nicht allein – und es ist kein Zeichen von Schwäche. Was dahintersteckt, hat einen Namen, ist gut erforscht, und das Wichtigste: Man kann aktiv etwas dagegen tun.
Die Sorge vor der Nadel gehört zu den häufigsten Gründen, eine an sich schonende Behandlung hinauszuzögern. Dabei ist die Reaktion, die viele fürchten, ein bekanntes Muster des Körpers – kein persönliches Versagen und kein Grund zur Scham. Und sie lässt sich beeinflussen.
Das, was viele erleben, nennt man eine vasovagale Reaktion. Anders als bei den meisten Ängsten, bei denen der Blutdruck ansteigt, passiert hier das Gegenteil: Der Körper reagiert auf den Reiz – oder schon allein auf die Erwartungdes Reizes – mit einem Abfall von Blutdruck und Herzfrequenz.
Die Folge: Ihnen wird schwindelig, Sie werden blass, es kann zu Schweißausbruch, Übelkeit oder Ohrensausen kommen. In ausgeprägten Fällen ist sogar eine kurze Bewusstlosigkeit möglich. Das klingt beunruhigend, ist aber eine bekannte, harmlose Reaktion des vegetativen Nervensystems – keine allergische Reaktion und keine Komplikation der Behandlung.
Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Diese Reaktion hat in aller Regel nichts mit Schmerzen zu tun. Ich erlebe es immer wieder bei Patienten, bei denen die örtliche Betäubung längst wirkt und die Behandlung völlig schmerzfrei verläuft – die Reaktion tritt trotzdem auf.
Der Auslöser ist meistens die Erwartung selbst: der Anblick der Nadel, der Gedanke an die Injektion, manchmal die Erinnerung an ein früheres Erlebnis. Der Körper hat gewissermaßen gelernt: „Jetzt kommt die Spritze“ – und reagiert darauf, unabhängig davon, ob es tatsächlich wehtut.
Diese Reaktion lässt sich sehr gut beeinflussen. Wir lagern Sie entsprechend, wir nehmen uns Zeit – und es gibt eine einfache Technik, die Sie sogar selbst anwenden können, um aktiv gegenzusteuern.
Die Technik heißt Applied Tension, auf Deutsch etwa „angewandte Anspannung“. Sie ist Ihr wichtigstes Werkzeug gegen die Angst vor der Nadelfasziotomie – und Sie steuern sie selbst. Der Gedanke dahinter: Wenn der Blutdruck abfällt, lässt er sich durch gezielte Muskelanspannung aktiv wieder anheben.
Am besten beginnen Sie schon kurz bevor die Behandlung startet, und Sie können es jederzeit wiederholen, sobald Sie merken, dass Ihnen schwindelig wird. Das Schöne daran: Sie können die Technik bereits zu Hause üben, damit Sie sie beim nächsten Termin sicher beherrschen.
Zusätzlich achten wir darauf, dass Patienten mit einer solchen Vorgeschichte von Anfang an flach oder mit erhöhten Beinen liegen – vorbeugend, nicht erst, wenn Beschwerden auftreten. Das nimmt oft schon einen großen Teil der Anspannung.
Medikamente zur Beruhigung sehe ich hier ausdrücklich als allerletzte Option. Die Nadelfasziotomie ist keine dringliche Behandlung – wir haben Zeit, das in Ruhe und individuell anzugehen, ganz ohne zusätzlichen Druck.
Wenn Sie beim letzten Mal eine solche Reaktion erlebt haben, ist das also kein Grund, die Behandlung zu meiden. Es ist ein bekanntes, gut behandelbares Phänomen – und mit der richtigen Vorbereitung lässt es sich in den meisten Fällen deutlich abmildern oder sogar ganz vermeiden.
Wenn Sie Fragen zu Ihrer eigenen Erfahrung haben, sprechen Sie mich gern darauf an – am besten schon vor dem Termin. Wie die Nadelfasziotomie im Detail abläuft, lesen Sie auf der Seite zur perkutanen Nadelfasziotomie.
(Video „Angst vor der Spritze? Was bei der Nadelfasziotomie wirklich passiert“ hier einbetten)