Wenn von Morbus Dupuytren gesprochen wird, geht es meist um Stränge, Beugekontrakturen und Operationswinkel. Der Alltag mit Dupuytren lässt sich damit aber nur unzureichend beschreiben. Für viele Betroffene beginnt die eigentliche Belastung dort, wo Zahlen und Röntgenbilder aufhören: beim Zugreifen, beim Anziehen, beim Musizieren – und bei dem Gefühl, mit einer auffälligen Hand nicht mehr „ganz“ zu sein. Eine wissenschaftliche Auswertung von Sonja Pelzmann hat genau diese Perspektive systematisch zusammengetragen und zeigt, wie weit die Erkrankung in das tägliche Leben hineinreicht.
Lässt sich ein Finger nicht mehr vollständig strecken, verändern sich zuerst die kleinen, selbstverständlichen Dinge. Hände und Gesicht waschen, Duschen oder das Anziehen – besonders von Handschuhen – kosten plötzlich Zeit und Konzentration. Ein Messer, eine Tasse oder kleine Gegenstände sicher zu greifen, wird unsicherer; man lässt häufiger etwas fallen. Auch bei der Arbeit ist die Einschränkung spürbar: beim Führen von Werkzeug, an Maschinen, beim Heben und Tragen ebenso wie beim Tippen und Bedienen der Maus im Büro. Im Haushalt betrifft es Kochen, Putzen, Garten- und Heimwerkerarbeiten. Bemerkenswert ist ein Befund aus den Studien: Viele fühlen sich im Alltag deutlich eingeschränkt, obwohl die gemessene Kontraktur „noch nicht schlimm“ erscheint. Funktion und Winkel sind eben nicht dasselbe.
Leben mit Dupuytren bedeutet: manches ist nicht mehr möglich. Besonders schwer wiegt der Verlust liebgewonnener Freizeitbeschäftigungen. Musikinstrumente wie Klavier, Gitarre oder Blasinstrumente gelingen nicht mehr wie früher, manche geben sie ganz auf. Sportarten mit festem Griff oder Stützbelastung – Liegestütze, Yoga, Gymnastik, Schwimmen, Radfahren – werden unsicher oder unangenehm. Auch feinmotorische Tätigkeiten wie Basteln, Modellbau oder Handarbeit leiden. Wo Aktivitäten wegfallen, die Freude gemacht haben, sinkt die Lebensqualität – und mancher zieht sich zurück.
Ein zentraler Teil der Auswertung betrifft das, was auf keinem Röntgenbild erscheint. Betroffene berichten von Scham über die veränderte Hand, vom Gefühl, „nur eine halbe Hand“ zu haben, und von Sorge um das Aussehen. Die Hand wird in der Tasche oder hinter dem Rücken verborgen, auf Fotos ungern gezeigt. Hinzu kommt die Angst vor der Zukunft: Wie weit wird das noch gehen? Muss ich Beruf oder Hobby aufgeben? Viele schildern nachlassendes Selbstvertrauen, gedrückte Stimmung und das Gefühl, nicht verstanden zu werden – nach dem Motto: „Du hast doch nur einen krummen Finger.“ Diese emotionalen Aspekte fanden sich in allen ausgewerteten Studien, nicht nur vereinzelt.
Auch soziale Situationen sind betroffen. Das Händeschütteln wird als unangenehm empfunden, weil die Finger sich nicht vollständig öffnen und das Gegenüber es bemerkt. Manche meiden Nähe, Umarmungen oder Berührungen, weil sie ihre Hand nicht zeigen möchten. Ein häufig unterschätzter Punkt: Wer die betroffene Hand schont und alles auf die andere verlagert, riskiert dort Überlastungsbeschwerden. Dupuytren ist damit nicht nur ein Problem eines einzelnen Fingers, sondern berührt Arbeit, Freizeit, Beziehungen und das eigene Selbstbild.
Die Arbeit von Sonja Pelzmann trägt nicht eigene Interviews zusammen, sondern wertet die vorhandene Literatur systematisch aus. Aus über 2.000 Veröffentlichungen wurden acht Studien mit knapp 300 ausführlichen Patientenberichten ausgewählt und daraus mehr als 3.000 Einzelaussagen zu 61 wiederkehrenden Problemfeldern verdichtet. Zwei Schlussfolgerungen sind für Betroffene besonders wichtig: Erstens werden die Auswirkungen von Dupuytren regelmäßig unterschätzt – es geht eben nicht allein um den Messwert der Beugekontraktur. Zweitens gehört die Sicht der Betroffenen in jede Behandlungsentscheidung. Die Arbeit wurde für den International Dupuytren Award 2026 der International Dupuytren Society eingereicht.
Aus meiner Sprechstunde kann ich diese Ergebnisse nur bestätigen. Ob und wann eine Behandlung sinnvoll ist, lässt sich nicht allein am Streckdefizit ablesen. Entscheidend ist, was Ihnen im Alltag konkret schwerfällt – im Beruf, bei Ihren Hobbys, im Umgang mit anderen – und wie stark Sie das seelisch belastet. Deshalb frage ich gezielt danach und lege die Therapieziele gemeinsam mit Ihnen fest. Beschwerden im Alltag, emotionale Belastung und Schmerzen sind legitime Gründe, über eine Behandlung nachzudenken – nicht erst ein bestimmter Kontrakturgrad. Welche Behandlungsmöglichkeiten infrage kommen und wann ein gewebeschonendes, wiederholbares Vorgehen wie die perkutane Nadelfasziotomie sinnvoll ist, besprechen wir individuell. Wenn Sie sich in diesen Schilderungen wiedererkennen: Das ist nichts Übertriebenes, sondern in Studien gut dokumentiert – und Sie sind damit nicht allein. Viele Menschen mit Morbus Dupuytren beschreiben sehr ähnliche Erfahrungen. Sprechen Sie diese Punkte offen an; sie helfen, die für Sie passende Entscheidung zu treffen.
Dupuytren im Alltag – Die Erfahrungen der Betroffenen @duplife
Gut leben mit Dupuytren 15. März 2026 15:01