Sportlerinnen und Sportler dehnen vor der Belastung Muskeln, Sehnen und Bänder, um Verletzungen wie einer Zerrung vorzubeugen. Es liegt nahe, dieselbe Logik auf eine erkrankte Hand zu übertragen: Wenn ein Finger sich nicht mehr ganz strecken lässt, sollte man ihn doch dehnen – oder? Bei Morbus Dupuytren ist das Gegenteil richtig. Um zu verstehen, warum, lohnt der Blick auf einen besonderen Zelltyp: die Myofibroblasten bei Morbus Dupuytren.
Die Erkrankung beginnt typischerweise mit einer Verhärtung, einer knotenartigen Verdickung unter der Haut, meist über dem Strahl des Ringfingers. Anfangs lässt sich der Finger noch gut strecken. Sieht man aber genau hin, wirkt die Haut über dem Knoten oft blass: Die Durchblutung darunter wird verdrängt, es entsteht Gewebespannung. Genau diese Spannung ist der Schlüssel.
Fibroblasten kommen in nahezu allen Organsystemen des Körpers vor und haben überall ähnliche Aufgaben. Eine Untergruppe zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus. Erstens enthalten diese Zellen in ihrem Inneren Elemente, die sich zusammenziehen können – ähnlich wie Muskelzellen. Daher der Name Myofibroblasten („myo“ für Muskel). Zweitens geben sie die so erzeugte Zugkraft an ihre Umgebung weiter: Über Brücken zwischen den Zellen zieht die eine die andere mit, es entsteht eine gemeinsame Zugaktion. Weitere Verbindungen koppeln die Zellen an das umgebende Gerüst aus Kollagenfasern.
Im gesunden Körper ist das sinnvoll. Bei der Wundheilung ziehen Myofibroblasten die Ränder eines Defekts zusammen und verkleinern die Wunde. Ist die Haut darüber verheilt, verschwinden die Zellen wieder – unter dem Mikroskop sind sie dann nicht mehr nachweisbar.
Ein Sonderfall leitet zum Problem über: die hypertrophe Narbe. Sie fällt dicker aus als erwartet – und zwar bevorzugt dort, wo das Gewebe dauerhaft unter Zug steht. Solche wulstförmigen Narben lassen sich oft entspannen, indem man Gewebe verlagert, sodass der Finger von selbst die richtige Position einnimmt, ohne ihn in die Streckung zu zwingen.
Beim Morbus Dupuytren finden wir die Myofibroblasten dauerhaft – bevorzugt in den Knoten, dort also, wo Sie die ersten Veränderungen tasten und von wo die Strangbildung ausgeht. Anders als bei der abgeschlossenen Wundheilung verschwinden sie hier nicht. Sie leben in einer Umgebung permanenter Spannung, ähnlich wie im Narbengewebe, und fühlen sich dadurch geradezu angeregt, Kollagen zu bilden.
Damit wird verständlich, warum kräftiges Dehnen kontraproduktiv ist. Zwingen Sie einen bereits eingeschränkten Finger in die Streckung, entstehen kleine Verletzungen und Einblutungen. Diese lösen auf zellulärer Ebene Reaktionen aus, an deren Ende immer mehr Kollagen produziert wird. Vereinfacht: Lebt der Myofibroblast unter normaler Spannung, verhält er sich friedlich und bildet nicht unnötig viel Kollagen. Zwingt man ihn dagegen in die Streckung, geschieht das Gegenteil – und das treibt die Erkrankung voran.
Es ist deshalb keine gute Idee, einen Finger, der schon nicht mehr frei beweglich ist, zusätzlich zu dehnen. Die dabei entstehenden Mikroverletzungen können den weiteren Verlauf beschleunigen.
Wichtig ist die Unterscheidung: Gemeint ist hier das eigenständige, kräftige Überstrecken eines betroffenen Fingers. Eine ärztlich begleitete, sanft dosierte Zugbehandlung – etwa mit einer Orthese – folgt anderen Regeln und wird gezielt gesteuert. Ob und wie Dehnen im Einzelfall sinnvoll ist, habe ich in einem eigenen Beitrag gegenübergestellt.
Verlassen Sie sich bei Dupuytren nicht auf Dehnen als Selbsthilfe. Es kann das erkrankte Gewebe reizen und den Fortschritt eher fördern als bremsen. Bleiben Sie entspannt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Fehler bei Dupuytren: Warum kräftiges Dehnen Ihren Finger verschlechtert @duplife
Gut leben mit Dupuytren 15. März 2020 17:39