Beim Morbus Dupuytren tasten Sie in der Hohlhand zuerst einen kleinen Knoten, später einen derben Strang, der bis in den Finger zieht. Knoten und Stränge sehen verwandt aus, sind aber nicht dasselbe – und genau dieser Unterschied entscheidet darüber, was in Ihrer Hand geschieht. Wenn wir bei einer Operation erkranktes Gewebe entnehmen, schicken wir es zur feingeweblichen Untersuchung. Der Pathologe bestätigt dann nicht nur die Diagnose, sondern beschreibt auch, in welcher Phase sich die Erkrankung befindet. Was man dabei unter dem Mikroskop sieht, hat ein Chirurg aus Los Angeles bereits vor über sechzig Jahren erstaunlich klar beschrieben.
Der Knoten ist der eigentliche Motor der Erkrankung – von ihm geht die Verkürzung aus. Die Stränge, die von dort in Richtung Handgelenk und Finger ziehen, sind dagegen eher Verankerungen: Spanngurte aus Bindegewebe, die die Streckung blockieren, aber nicht selbst der Ursprung des Geschehens sind. Ein Strang zieht dabei immer genau das Gelenk in die Beugung, das unmittelbar hinter dem Knoten liegt. Dass der Knoten aktiv ist und der Strang nur reaktiv, ist keine neue Erkenntnis: Der Orthopäde und Chirurg J. Vernon Luck hat diese Trennung schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts herausgearbeitet.
Luck untersuchte das entnommene Gewebe seiner Patienten selbst und veröffentlichte 1959 seine Beobachtungen an 154 Patienten. Er beschrieb den Ablauf in drei Phasen:
In der Wachstumsphase vermehrt sich das Gewebe rasch. Oft überrascht das: Plötzlich ist eine Verhärtung da, die Sie vorher nie hatten. Unter dem Mikroskop finden sich in dieser Phase sehr viele Bindegewebszellen – Fibroblasten –, zunächst ungeordnet, fast wie in einem bösartigen Tumor. Beweglich ist zu diesem Zeitpunkt aber noch alles.
In der Rückbildungsphase schrumpft der Knoten. Die Zellen sortieren sich und richten sich entlang der Zugspannung aus, die Zelldichte nimmt ab. Diese aktiven, zusammenziehenden Zellen nennen wir heute Myofibroblasten – gewissermaßen die „Muskelzellen“ des erkrankten Bindegewebes. Beim Schrumpfen übt der Knoten einen Zug auf seine Umgebung aus; genau diesen neu auftretenden Widerstand spüren Sie, und der Finger beginnt sich zu krümmen.
In der Endphase kommt alles zum Stillstand. Sucht man jetzt im ehemaligen Knoten nach Zellen, findet man kaum noch welche – übrig bleiben fast nur Kollagenfasern. Das Gewebe ähnelt dann einer Beugesehne. Weil keine Spannung mehr wirkt, kann sich sogar das Stranggewebe teilweise wieder zurückbilden.
Sobald Sie den Zug des schrumpfenden Knotens als Widerstand bemerken, ist der erste Impuls verständlich: den Finger gegenzustrecken. Genau davon rate ich ab. Kräftiger, anhaltender Zug reizt die aktiven Zellen dieser Phase eher zusätzlich, statt sie zu beruhigen – er arbeitet also gegen Sie. Warum Dehnen und Dauerzug beim Dupuytren zwiespältig sind, habe ich an anderer Stelle ausführlich erklärt.
Aus seinen Befunden leitete Luck ab, einen Knoten möglichst früh zu entfernen. Heute sehen wir das zurückhaltender: Die Wundheilung nach einem solchen Eingriff kann die Erkrankung sogar anstacheln. In frühen, reizarmen Situationen denkt man daher eher an eine Bestrahlung als an ein Herausschneiden. Klar gegen die vollständige Entfernung der Bindegewebsplatte hat sich übrigens schon Luck ausgesprochen – zu einer Zeit, als andere das noch für sinnvoll hielten.
Besonders interessant ist ein weiterer seiner Vorschläge, der seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt: einen Strang schlicht zu durchtrennen, ohne das erkrankte Gewebe zu entfernen. Luck nutzte dafür ein Spezialskalpell – heute bevorzugen wir eine feine Nadelspitze, die perkutane Nadelfasziotomie.
Der Blick unter das Mikroskop beschreibt die Biologie von Knoten und Strängen. Davon zu unterscheiden ist die klinische Stadieneinteilung, mit der wir im Sprechzimmer den Schweregrad der Beugung messen – dazu finden Sie einen eigenen Beitrag zur Stadieneinteilung nach Tubiana. Wie das alles in das Gesamtbild der Erkrankung passt, lesen Sie in der Übersicht zum Morbus Dupuytren.
☝️ Morbus Dupuytren unter dem 🔬Mikroskop #gutlebenmitdupuytren
Gut leben mit Dupuytren 4. Dezember 2020 19:00