In der Handchirurgie gibt es Eingriffe, die vor Jahrzehnten zum Alltag gehörten und die heute kaum noch jemand durchführt. Nicht, weil sie schlecht gewesen wären – sondern weil eine andere Erkrankung inzwischen so früh behandelt wird, dass die schweren Schäden gar nicht mehr entstehen. Genau dieses Prinzip könnte eines Tages auch den Morbus Dupuytren verändern – und im Zentrum steht dabei ein Wort, das man mit dieser Erkrankung selten verbindet: die Entzündung.
Vor einiger Zeit ist mir im Zug eine ältere Dame gegenüber aufgefallen, deren Hände sofort meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Ihre Finger waren stark verformt, wichen zur Seite ab, auch der Daumen war deutlich verändert. Solche Hände habe ich früher häufig gesehen – heute begegnen sie mir kaum noch. Verantwortlich dafür war nicht der Morbus Dupuytren, sondern eine andere Erkrankung: die rheumatoide Arthritis.
Bei der rheumatoiden Arthritis richtet sich das Immunsystem irrtümlich gegen den eigenen Körper – genauer gegen die Gelenkinnenhaut. Es entsteht eine dauerhafte Entzündung, die über Jahre Gelenke, Sehnen und Bänder zerstört. Daraus entwickeln sich die typischen Verformungen: seitlich abweichende Finger, instabile Gelenke, reißende Sehnen, ein funktionsloser Daumen. Für all das gab es früher eine ganze Reihe handchirurgischer Operationen – Sehnenrekonstruktionen, Gelenkeingriffe, Stabilisierungen des Daumens.
Heute sind diese Eingriffe nur noch selten nötig. Der Grund ist nicht, dass die Chirurgie schlechter geworden wäre, sondern dass die Medikamente besser geworden sind. Sogenannte krankheitsmodifizierende Medikamente – im Fachjargon DMARDs – lindern nicht nur Schmerzen, sondern bremsen den Krankheitsprozess selbst, indem sie das überaktive Immunsystem gezielt dämpfen. Eine besonders wirksame Gruppe sind die Biologika: biotechnologisch hergestellte Antikörper, die einzelne Botenstoffe der Entzündung blockieren. Einer dieser Botenstoffe ist der Tumornekrosefaktor Alpha (TNF-α). Wird er früh genug ausgeschaltet, bleibt die Entzündung gering, die Gelenke werden nicht zerstört – und schwere Handdeformitäten entstehen erst gar nicht.
Was hat das mit dem Morbus Dupuytren zu tun? Mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Denn auch beim Dupuytren steht am Anfang der Erkrankung eine Entzündung. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass es sich im Kern um einen örtlich begrenzten Entzündungsvorgang handelt: Bestimmte Immunzellen im Gewebe – etwa Makrophagen und Mastzellen – schütten geringe Mengen genau dieses Botenstoffs TNF-α aus. Und dieser Botenstoff hält jene Zellen aktiv, die für die Erkrankung verantwortlich sind: die Myofibroblasten. Sie bilden und verkürzen das derbe Bindegewebe, aus dem später Knoten und Stränge werden.
Damit rückt der Morbus Dupuytren überraschend nah an das Rheuma heran – nicht im Erscheinungsbild, aber im Mechanismus. In beiden Fällen ist eine Entzündung der Motor, der das Gewebe über die Zeit umbaut.
Aus dieser Erkenntnis ist eine naheliegende Frage entstanden: Ließe sich der Morbus Dupuytren ähnlich früh behandeln wie das Rheuma – also nicht erst dann, wenn die Finger sich bereits krümmen? Eine Forschergruppe der Universität Oxford ist dem nachgegangen und hat genau jenes Rheumamedikament, das den Botenstoff TNF-α blockiert (den Wirkstoff Adalimumab), direkt in frühe Dupuytren-Knoten gespritzt. In der sogenannten RIDD-Studie wurden die Knoten daraufhin messbar weicher und kleiner.
Wichtig ist die kritische Einordnung: Dieses Vorgehen ist bislang reine Forschung. Der Wirkstoff ist für den Morbus Dupuytren nicht zugelassen und wurde ausschließlich im Studienrahmen eingesetzt. Ob sich damit langfristig aufhalten lässt, dass eine Hand sich verkrümmt, müssen weitere Untersuchungen zeigen – die bisherigen Ergebnisse betreffen zunächst nur die Knoten selbst. Aber die Richtung ist bemerkenswert.
Heute behandeln wir den Morbus Dupuytren in aller Regel erst, wenn die Streckbehinderung Sie im Alltag spürbar einschränkt – etwa mit einer Operation, einer Nadelfasziotomie oder verwandten Verfahren. Ein antientzündlicher Ansatz, der früh ansetzt und den Prozess von innen heraus bremst, wäre demgegenüber ein grundlegend neuer Weg: Man würde die Erkrankung nicht erst reparieren, wenn sie Probleme bereitet, sondern versuchen, sie gar nicht erst weit fortschreiten zu lassen.
Noch ist es nicht so weit. Aber weltweit wird intensiv daran gearbeitet, die biologischen Mechanismen hinter dem Morbus Dupuytren zu verstehen. Vielleicht erleben wir eines Tages eine ähnliche Entwicklung wie beim Rheuma – dass schwer verkrümmte Finger seltener werden, weil die Entzündung früh und gezielt behandelt werden kann. Für viele Menschen wäre das ein großer Fortschritt.
Ziel der Forschung: Verkrümmung verhindern @duplife
Gut leben mit Dupuytren 26. April 2026 14:00