Hinter der DPT-Orthese steht kein Ingenieur und kein Medizintechnik-Konzern, sondern ein Betroffener. Der Erfinder der DPT-Orthese, Jörg Pattke, ist selbst an Morbus Dupuytren erkrankt – und war mit dem, was die Medizin für ihn tun konnte, nicht zufrieden. Statt sich damit abzufinden, begann er zu tüfteln. Über Jahre entstanden daraus zahlreiche Prototypen, bis am Ende ein marktreifes, wirksames Hilfsmittel stand. In zwei Gesprächen – eines mit dem Erfinder selbst, eines mit unserem Orthopädietechnikermeister Tobias Gruber – zeichnen wir nach, wie diese Orthese entstand, wie sie funktioniert und worauf es bei der Anwendung ankommt.
Jörg Pattke ist kein Techniker, der so etwas beruflich entwickelt. Er ist Patient. Nach einer klassischen Operation war die Fingerkrümmung bei ihm zurückgekehrt – ein Rezidiv, wie es viele Betroffene kennen. Ende 2015 ließ er sich bei einem Handchirurgen in Bielefeld die Kleinfinger begradigen. Weil ihn das Ergebnis nicht restlos überzeugte, stellte er sich eine einfache Frage: Wie lässt sich eine solche Begradigung wenigstens halten, vielleicht sogar verbessern?
Er zeigte seine ersten Konstruktionen dem behandelnden Arzt, der ihm sofort seine Telefonnummer gab – ein deutliches Zeichen, dass hier etwas Ungewöhnliches entstand. Ein halbes Jahr später gelang der erste kleine Durchbruch.
Erste öffentliche Aufmerksamkeit erhielt sein Ansatz bereits 2018. Auf dem 12. Nürnberger Frühjahrssymposium, das sich unter meiner Tagungsleitung dem Morbus Dupuytren widmete und das die Deutsche Dupuytren-Gesellschaft gemeinsam mit dem Klinikum Nürnberg ausrichtete, stellte er seinen frühen Prototyp gemeinsam mit Dr. Wolfgang Wach, dem 1. Vorsitzenden der Gesellschaft, vor. Im Publikum stieß die Idee auf großes Interesse. Der Vortrag ist als Aufzeichnung auf meinem YouTube-Kanal „Gut leben mit Dupuytren“ zu finden.
2021 kam Pattke erneut nach Nürnberg. Während der Corona-Pandemie entstand dort ein erstes ausführliches Interview mit ihm – ebenfalls auf meinem Kanal –, in dem er die inzwischen weiterentwickelte, dorsal wirkende Schiene vorstellte. Sie funktionierte bei ihm überraschend gut: Seine Finger wurden sogar gerader, obwohl das anfangs gar nicht sein Ziel war. Es ging ihm zunächst nur darum, das Fortschreiten aufzuhalten.
Aus dieser hartnäckigen Eigenentwicklung wurde ab 2024 ein offizielles Produkt mit dem Namen DPT – kurz für Dynamic Pressure Therapy. Pattke selbst kommentiert das mit einem Augenzwinkern: Vielleicht, so seine scherzhafte Deutung, stehe DPT ja auch für „Dupuytren-Pattke-Therapie“.
Wie mühsam der Weg von der Idee bis zur Serienreife war, wird im Gespräch mit Tobias Gruber deutlich, der als Orthopädietechnikermeister die Orthese seit ihrer Entwicklungsphase kennt und die Patienten in unserer Sprechstunde damit versorgt. Pattke hat für dieses Gespräch seine alten Muster mitgebracht und die Stationen selbst erläutert. Seiner Schilderung nach verlief der Weg in diesen Schritten:
Seit Oktober 2024 steht die fertige Orthese offiziell zur Verfügung, und wir versorgen damit regelmäßig Patienten.
Making of: die spannende Geschichte hinter der DPT-Orthese @duplife
Gut leben mit Dupuytren 12. Oktober 2025 19:51
Der eigentliche Kniff liegt in der dorsalen Bauweise. Die Orthese liegt auf dem Handrücken auf und zieht den Finger von oben – nicht von der Beugeseite. Dadurch bleibt der betroffene Bereich an den Gelenken immer frei. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal, gerade wenn die Orthese mit anderen Behandlungen kombiniert wird, die genau dort Raum brauchen.
Die Kraft stammt aus dem bombierten Stahl und wirkt wie eine feine Feder. Pattke erklärt den Vorteil so: Weil das Prinzip einen guten Hebel habe, bleibe die Wirkung selbst dann noch erhalten, wenn die Federkraft mit der Zeit etwas nachlasse – hilfreich, falls jemand einmal vergisst, die Spannung rechtzeitig prüfen zu lassen. In der Standardeinstellung sitzen nach seiner Beschreibung zwei Schienen auf der Handrückenseite und eine Feder vorne im Finger, ergänzt um eine kurze zweite Feder. Dieser kurzen Feder misst Pattke besondere Bedeutung bei: Sie gebe der vorderen Feder einen größeren Radius, damit diese nicht abknicke und breche – ohne sie beginne der Stahl sich rasch zu schwächen. Das Einsetzen und Wechseln der Federn übernimmt für unsere Patienten unser Orthopädietechnikermeister Tobias Gruber.
Anders als ein am Knochen verankerter Fixateur, der einen kontinuierlichen Zug über Wochen aufbaut, wirkt die DPT-Orthese über die Haut und wird deshalb stundenweise getragen. Als grobe Orientierung nennt Pattke Sitzungen von etwa anderthalb bis drei Stunden am Stück – ohne den Finger zwischendurch zu krümmen. Danach ist eine sinnvolle Grenze erreicht. Die wichtigste Regel, die Pattke betont, lautet: nie so lange, bis es schmerzt. Beginnt das Tragen unangenehm zu werden, ist der Zeitpunkt gekommen, die Orthese abzulegen.
Am besten fügt man die Anwendung in ohnehin ruhige Phasen ein – beim Fernsehen oder Lesen, nicht bei grober Handarbeit. Wer die Orthese am frühen Morgen oder im letzten Drittel der Nacht anlegt, hat oft schon viel für die Begradigung getan, ohne den Tag über gestört zu sein. Pattke selbst empfiehlt zusätzlich einen intensiveren Tag pro Woche – etwa am Wochenende, zwei- bis dreimal für einige Stunden –, damit der Dupuytren-Strang gar nicht erst „zur Ruhe kommt“. Vom Autofahren mit angelegter Orthese ist übrigens abzuraten: Das textile Material kann das sichere Führen des Lenkrads beeinträchtigen, und ein über Stunden gezogener Finger lässt sich nicht sofort wieder beugen.
So bemerkenswert diese Eigenentwicklung ist, so nüchtern ordnen Erfinder und Techniker sie ein: Die DPT-Orthese ist kein Wundermittel und kein Heilmittel. Sie kann Morbus Dupuytren nicht heilen – das kann nach heutigem Stand keine Schiene. Sie ist eine unterstützende Maßnahme, um ein Rezidiv möglichst zu vermeiden oder hinauszuzögern. Eine Garantie für eine Verbesserung gibt es nicht; zugleich ist sie ein gut einsetzbares und vergleichsweise risikoarmes Hilfsmittel.
Ihren größten Nutzen entfaltet die Orthese als Ergänzung nach einer Behandlung, die die krankhaften Stränge unterbrochen hat – etwa nach einer perkutanen Nadelfasziotomie, aber auch nach anderen Verfahren. Ist die Krümmung erst einmal gelöst, soll sie sich mit der Orthese gut halten lassen, ohne das Gewebe zu stark zu reizen, und mitunter sogar weiter verbessern.
Entscheidend ist das Maß. Das Dupuytren-Gewebe reagiert empfindlich auf zu viel Zug: Die krankhaft aktiven Bindegewebszellen antworten auf unphysiologische mechanische Belastung eher mit verstärkter Reaktion als mit Nachgeben. Pattke hat das am eigenen Leib erfahren – Tätigkeiten wie Paddeln oder Gartenarbeit „reizen den Strang spürbar“, und auch ein eigener Versuch mit Wärme ging nach hinten los: Sieben Tage lang schien der Finger dadurch besser gerade zu werden, danach „wehrte sich“ der Dupuytren so deutlich, dass er die Orthese am liebsten gar nicht mehr angelegt hätte. Seine Lehre daraus: In diese Richtung sollte man gar nicht erst experimentieren. Mehr Zug hilft eben nicht mehr – es kommt auf die kontrollierte, dosierte Anwendung an.
Wie sich die DPT-Orthese im Alltag bewährt, schildert unser erster Patient ein Jahr nach seiner Versorgung in seinem Erfahrungsbericht.
An dieser Entwicklung ist etwas bemerkenswert: Die Schiene baut bewusst eine Spannung auf – anders als ich früher generell zur Zurückhaltung beim Dehnen geraten habe. Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn man an das Maß denkt. Ein starker, dauerhafter Zug kann das erkrankte Gewebe reizen und die Myofibroblasten eher anregen, statt sie zu beruhigen. Ein dosierter, kontrollierter Zug – nur bis zu einer bestimmten Stärke – kann dagegen sinnvoll sein. Wo genau diese Grenze liegt, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt und lässt sich erst in Studien sauber beantworten. Gerade deshalb ist die Idee einer dynamisch dosierten Zugbehandlung so interessant.
Patient und Erfinder: Jörg Pattke @duplife
Gut leben mit Dupuytren 5. Oktober 2025 14:39