Vor Kurzem erreichte mich die E-Mail einer Patientin mit Morbus Ledderhose – jener Knotenbildung an der Fußsohle, die eng mit dem Morbus Dupuytren verwandt ist. Ihre Frage: In den USA werde Verapamil offenbar erfolgreich eingesetzt – sei dieses Mittel auch in Deutschland bekannt und erhältlich? Weil das viele Betroffene bewegt, gehe ich der Frage hier ausführlich nach: Was ist von Verapamil bei Morbus Ledderhose tatsächlich zu erwarten?
Schon seit Langem kennt man die krampflösende Wirkung des Papaverins – einer Substanz, die aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns, also aus Opium, gewonnen wird. Deutsche Wissenschaftler nahmen dies zur Vorlage für ein neuartiges Arzneimittel, das in erster Linie die Herzkranzgefäße weit stellen und so die Durchblutung des Herzmuskels verbessern sollte.
Verapamil – ursprünglich unter dem Handelsnamen Isoptin vertrieben – hemmt den Einstrom von Kalziumionen in die Herzmuskelzellen und war damit der erste Kalziumantagonist. Diese Wirkstoffgruppe spielt heute in der Behandlung des Bluthochdrucks, der koronaren Herzerkrankung und von Herzrhythmusstörungen eine wesentliche Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation hat Verapamil in ihre Liste der unverzichtbaren Arzneimittel aufgenommen. Es ist also ein bewährtes, wichtiges Medikament – die eigentliche Frage lautet jedoch, ob es auch bei einer Bindegewebserkrankung wie dem Morbus Ledderhose hilft.
Chirurgen, die sich mit dieser tückischen Erkrankung beschäftigen, kennen das vor fast 20 Jahren erschienene Buch von Peter Brenner und Ghazi Rayan, das Ergebnis der Zusammenarbeit zweier international renommierter Experten. Eben dieser Ghazi Rayan konnte einige Jahre zuvor in einer viel beachteten experimentellen Arbeit im Labor zeigen, dass Verapamil die Kontraktion von Dupuytren-Fibroblasten mindert. Das war der Ausgangspunkt für weitere Studien zu der Frage, ob die Substanz auch bei anderen Bindegewebserkrankungen wirksam sein könnte.
Hinzu kommt eine zweite Beobachtung: Auch gesunde Fibroblasten verändern sich unter Verapamil – im Mikroskop nehmen sie eine andere Gestalt an und produzieren deutlich mehr Kollagenase, also jenes Enzym, das überschüssiges Bindegewebe abbaut. Nach Ansicht der Autoren sind das Effekte, die sich günstig auf Narbenheilung und Bindegewebserkrankungen auswirken könnten. Wichtig ist jedoch: All das sind Beobachtungen aus dem Labor. Sie begründen eine Hoffnung, aber noch keinen Wirksamkeitsnachweis am Menschen.
Die meiste Erfahrung mit Verapamil bei Bindegewebsverhärtungen stammt aus der Behandlung der Penisverkrümmung. Vor rund 20 Jahren galt der Wirkstoff manchen Urologen dort als wichtigste Behandlungsform; er wurde direkt in die Verhärtungen eingespritzt. Alternativ lässt sich ein Gel auftragen, das über die Haut aufgenommen werden soll – eine deutlich angenehmere Vorstellung. Der Hersteller eines solchen Gels beschreibt ebenfalls, eine Anwendung bei Dupuytren und Ledderhose sei möglich.
Überzeugende wissenschaftliche Berichte über zuverlässige Ergebnisse liegen dazu allerdings nicht vor. Im Gegenteil: Es finden sich skeptische Arbeiten, die zeigen, dass der Wirkstoff bei Anwendung über die Haut das erkrankte Gewebe – untersucht an der Penisverkrümmung – überhaupt nicht in wirksamer Menge erreicht. Nebenbei erfährt man dabei, dass Verapamil in Deutschland als Gel gar nicht erhältlich ist.
Eine jüngere Übersichtsarbeit zum Morbus Ledderhose geht nur kurz auf Verapamil ein und kommt zu einem ernüchternden Schluss: Diese Therapie gründe letztlich auf Hörensagen, belastbare Daten fehlten in der medizinischen Literatur. Ein ähnliches Bild zeichnen die Erfahrungsberichte Betroffener. Im Forum der internationalen Dupuytren-Gesellschaft äußert sich ein Patient 2011 zunächst euphorisch – wenige Jahre später umso enttäuschter, weil die erhoffte Wirkung ausblieb.
Am aussagekräftigsten ist eine internationale Befragung mehrerer tausend Patienten mit Dupuytren- und/oder Ledderhose-Erkrankung: Nur etwa zehn Prozent der Ledderhose-Betroffenen waren mit dem Ergebnis ihrer Verapamil-Behandlung zufrieden. Auch die Dupuytren-Gesellschaft selbst hält fest, dass es für eine Wirksamkeit bei diesen Erkrankungen kaum Belege gibt.
Verapamil ist in Deutschland in der von der Patientin angefragten Gel-Form nicht erhältlich. Und daran wird sich vermutlich auch deshalb nichts ändern, weil überzeugende Belege für eine tatsächliche Wirksamkeit fehlen. Wer unter einem Morbus Ledderhose leidet, ist mit den etablierten Verfahren – von der Bestrahlung im Frühstadium bis zur Operation – deutlich besser beraten als mit einem „Wundermittel“, dessen Nutzen sich bislang nicht belegen lässt. Einen Überblick dazu und zu den weiteren Sonderformen und verwandten Erkrankungen des Morbus Dupuytren finden Sie in der Infothek.
Verapamil bei 🦶Morbus Ledderhose: 🔮 wirklich wirksam?#gutlebenmitdupuytren
Gut leben mit Dupuytren 27. Februar 2022 20:14