Ihre Fragen zu Morbus Dupuytren – Antworten aus der Live-Sprechstunde

Diese Morbus-Dupuytren-Patientenfragen stammen aus einem einstündigen Live-Chat, den ich am „Tag der Hand“ auf meinem YouTube-Kanal beantwortet habe. Zuschauerinnen und Zuschauer aus mehreren Ländern haben gefragt – zu Ursachen und Auslösern, zu Schmerzen, zum richtigen Zeitpunkt einer Behandlung, zur Nadelfasziotomie, zur Strahlentherapie und zu Medikamenten. Die Antworten habe ich hier für Sie geordnet und verschriftlicht; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie im eingebetteten Video.

Kann eine Operation oder Verletzung meinen Dupuytren ausgelöst haben?

Ja, das ist gut möglich – und schon seit dem 19. Jahrhundert beschrieben. Eine Hand- oder auch Schulteroperation ist immer auch eine Form der Verletzung und kann die Erkrankung anstoßen. Allein reicht das aber nicht: Man geht davon aus, dass zusätzlich eine erbliche Veranlagung vorliegen muss, die in der Familie oft gar nicht bekannt ist. Typisch ist, dass die ersten Knoten nicht sofort, sondern erst Wochen bis Monate später auffallen – meist über dem vierten (manchmal fünften) Mittelhandstrahl im Bereich der Hohlhandbeugefurchen.

Bekommen immer mehr junge Menschen Dupuytren – liegt das am Klettern?

Auffällig ist: In den letzten Jahren kommen deutlich mehr junge Menschen mit ersten Zeichen in die Sprechstunde. Mein Eindruck ist, dass Klettern und Bouldern eine Rolle spielen, weil die Hände dabei einzigartig stark belastet werden. Trifft das auf eine genetische Veranlagung, können erste Knötchen und Strangbildungen in der Hohlhand schon früh auftreten – und zwar bei sehr gesundheitsbewussten, sportlichen Menschen, bei denen sonst kein Risikofaktor vorliegt. Die Studienlage dazu ist allerdings dünn.

Welche Alltagsbelastungen verschlimmern die Erkrankung?

Kräftiges Zupacken – ein Spaten, ein Besen, auch Motorradfahren mit Vibrationen – ist nach heutigem Wissen kein Problem. Gartenarbeit dürfen Sie also gerne weitermachen. Ungünstig sind vor allem Dehnungen, also anhaltender Zug auf das Bindegewebe der Innenhand, weil das genau die Zellen mechanisch reizt, deren Aktivität die Erkrankung antreibt. Die frühere Vorstellung, schwere Handarbeit „reiße“ die Erkrankung herbei, gilt so nicht mehr.

Macht Morbus Dupuytren Schmerzen?

Die pauschale Aussage „Dupuytren tut nicht weh“ wird den Betroffenen nicht gerecht. Das erkrankte Gewebe selbst enthält keine Nervenfasern – deshalb kommt die Nadelfasziotomie mit sehr wenig örtlicher Betäubung aus. Schmerzen entstehen aber indirekt: durch die eingeschränkte Beweglichkeit in gelenknahen Strukturen oder wenn ein Knoten beim Greifen drückt – wie ein kleiner Stein im Schuh.

Muss ich mir Sorgen machen?

Nein. Das Motto meines Kanals lautet nicht ohne Grund „Bleiben Sie entspannt“: Die Erkrankung verkürzt die Lebenserwartung nicht und beeinträchtigt bei den allermeisten Menschen die Lebensqualität nicht wirklich schwerwiegend. Wichtig ist nur, den intuitiven Reflex zu vermeiden, gegen beginnende Verhärtungen „anzudehnen“ – das kann eher schaden als nützen.

Warum kann Dehnen schaden, wenn mein Orthopäde das Gegenteil sagt?

Beides kann stimmen – für unterschiedliche Situationen. Ein bereits erkranktes, verhärtetes Gewebe verhält sich biologisch wie eine Hautnarbe: Zieht man daran, wird es nicht elastischer, sondern reagiert eher gegenteilig. In der Orthopädie geht es dagegen meist darum, gesunde, aber steife Gelenke wieder beweglich zu machen – da sind Dehnübungen sinnvoll. Beim Dupuytren übertragen viele diese Logik verständlicherweise, sie passt hier aber nicht. Auch Physiotherapie ist erst dann sinnvoll, wenn zuvor eine erfolgreiche Behandlung die Blockade beseitigt hat.

Wann sollte ich handeln – und wann darf ich abwarten?

Warten Sie nicht, bis die Beweglichkeit deutlich schlechter oder ein Gelenk dauerhaft steif geworden ist – dann wird es schwierig, und jedes Gelenk braucht regelmäßige Nutzung, sonst entstehen Folgeschäden. Andererseits: Wer über viele Jahre nur eine langsame, milde Entwicklung zeigt und älter ist, darf durchaus abwarten und beobachten. Entwickelt sich die Erkrankung dann doch schneller ungünstig, gehen Sie zu einem Handchirurgen, der sich speziell mit Dupuytren auskennt.

Was ist die Nadelfasziotomie – und für wen eignet sie sich?

Bei der Nadelfasziotomie wird das erkrankte Gewebe minimalinvasiv mit einer Nadel durchtrennt. Ziel ist nicht der zellreiche Knoten selbst (das wäre riskant), sondern der bereits tastbare, unter Spannung stehende Strang. Das Verfahren ist nahezu risikolos, führt zu sofort spürbarer Entspannung in der Hand und eignet sich gerade auch für frühe Stadien. Die Idee stammt ursprünglich von französischen Rheumatologen der 1950er-Jahre; in Deutschland hat Dr. Albrecht Meinel sie 2008 bekannt gemacht. Ein wichtiger, ehrlicher Punkt: Nach der Nadel kehrt die Erkrankung häufiger zurück als nach einer gut gemachten Operation – dafür lässt sich der Eingriff ohne Obergrenze wiederholen, weil die Haut praktisch unverletzt bleibt.

Brauche ich nach der Behandlung einen Streck-Handschuh – und wie lange?

Einen Extensionshandschuh mit Streckeinlagen empfehle ich im Anschluss an eine erfolgreiche Nadelfasziotomie – und zwar nachts. Im Schlaf krümmen sich die Finger unwillkürlich, und die gerade getrennten Gewebeelemente könnten wieder in Kontakt treten. Über die rund drei Monate, in denen der Körper auf die Behandlung reagiert, hält die Nachtschiene sie getrennt. Was ich nicht empfehle, ist ununterbrochenes Tragen auch tagsüber: Jedes Gelenk verliert an Beweglichkeit, wenn es lange ruhiggestellt wird. Nutzen Sie Ihre Hand tagsüber möglichst normal – genau das verhindert neue Verklebungen.

Stimmt es, dass man heute nicht mehr alles Gewebe entfernt?

Ja. In den 1950er/60er-Jahren entfernten manche Chirurgen vorsorglich auch noch gesundes Gewebe – das hatte erhebliche Folgen und wurde rasch verlassen. Heute operiert man in der Regel die limitierte (regionale) Fasziektomie: Man entfernt gezielt, was sich gefahrlos entfernen lässt, manchmal ergänzt um eine Hautdeckung (Transplantat oder Lappenplastik). Es gibt zusätzlich die segmentale Fasziektomie, die bewusst erkranktes Gewebe belässt und auf spontane Rückbildung setzt – in Deutschland eher eine Randmethode.

Hilft eine Strahlentherapie – und wie finde ich eine erfahrene Klinik?

Ich bin selbst kein Strahlentherapeut, daher nur in Kürze: Eine Strahlentherapie kommt – wenn überhaupt – in einem Frühstadium infrage. Sie soll die verantwortlichen Bindegewebszellen so schädigen, dass die Erkrankung gebremst wird. Zellen reagieren besonders empfindlich, wenn sie sich gerade teilen – ein erfahrener Strahlentherapeut hat seinen Patienten geraten, den Moment zu nutzen, in dem sich die Erkrankung durch Jucken oder Kribbeln als „aktiv“ bemerkbar macht. Adressen erfahrener Anbieter finden Sie über die Deutsche Dupuytren-Gesellschaft. Ausführlich ist das Thema im Patientenratgeber von Dr. Wach und mir behandelt.

Gibt es Medikamente gegen Dupuytren – zum Beispiel Adalimumab?

Das ist eine spannende Entwicklung. Adalimumab wirkt auf einen biologischen Signalstoff, der bei Dupuytren vermehrt vorkommt. In einer viel beachteten Studie in Oxford (Prof. Nanchahal) bildeten sich Knoten unter der Behandlung eher zurück, während sie unbehandelt größer und fester wurden. Aber: Es ist ein teures Medikament, die aufwendige Behandlung beruht auf einer noch unbewiesenen Langzeit-Annahme. Das Vorbild ist die Rheumatologie – dort sieht man die früher typischen „verkrüppelten“ Hände kaum noch, weil sich Rheuma heute gut medikamentös behandeln lässt. Genau so etwas bräuchten wir auch beim Dupuytren; auf einer Fachkonferenz mochte sich zuletzt aber niemand auf eine baldige „Heilung“ festlegen.

Was ist mit Kollagenase-Spritzen und Stoßwellentherapie?

Die enzymatische Behandlung mit Kollagenase hatte in Deutschland bis 2019 einen gewissen Stellenwert. Seither beliefert der US-Hersteller den europäischen Markt nicht mehr, und es besteht keine Zulassung mehr in Europa; ein europäisches Präparat ist in Entwicklung, ein Zeitpunkt aber offen. Zur Stoßwellentherapie gibt es einen Bericht aus Hannover (Prof. Dr. Knobloch), wonach Knoten weicher werden; belastbare Literatur fehlt bislang. Der Reiz: Sie setzt keinen großen körperlichen Schaden – anders als die Bestrahlung, die nicht unbegrenzt wiederholbar ist. Eine mögliche Option der Zukunft, noch zu früh für ein Urteil.

Kann Ernährung oder Nahrungsergänzung helfen?

Verständliche und häufige Frage – aber ehrlich beantwortet: Es gibt nichts wissenschaftlich Belastbares. Immer wieder wird Vitamin E genannt, das bleibt jedoch anekdotisch. Mein Rat ist, sich grundsätzlich so zu ernähren, wie es allgemein empfohlen wird. Speziell zum Dupuytren konnte mir bislang selbst eine Ernährungsexpertin nichts Gesichertes sagen.

Wann ist eine Amputation nötig?

Eine Amputation ist wirklich das allerletzte Mittel – wir Handchirurgen nähen abgetrennte Finger eher wieder an. Sie kommt allenfalls infrage, wenn Finger so stark gekrümmt sind, dass Pflegeprobleme entstehen, häufiger bei pflegebedürftigen Patienten. Selbst dann sucht man andere Wege: Ein bewährter Ansatz entfernt die mitbetroffene Haut (die Haut gehört zur Erkrankung), wodurch sich Amputationen meist vermeiden lassen. Nach einer Amputation drohen zudem Phantomschmerzen.

Können auch Nervenprobleme dahinterstecken?

Ja, und das ist wichtig zu unterscheiden. Nächtliche Handkrämpfe, Kraftverlust bis in die Unterarme oder ein dünner werdender Unterarm lassen sich nicht allein durch Dupuytren erklären – dann ist zusätzlich eine Nervenursache verdächtig. Ein Nerv braucht Durchblutung; Druck von außen an anatomischen Engstellen stört seine Funktion. Ein Karpaltunnelsyndrom etwa lässt sich neurophysiologisch klar nachweisen und meist gut behandeln – solange der Nerv nicht schon zu lange geschädigt war. Eine neurologische Untersuchung schafft hier Klarheit.

Ist die Erkrankung erblich – gibt es Zwillingsforschung?

Eine erbliche Veranlagung ist gut belegt und passt zu neueren Erkenntnissen über genetische Besonderheiten. Führend erforscht wurde die Erkrankung über viele Jahre in Groningen (Prof. Paul Werker). Gezielte Zwillingsforschung ist mir persönlich nicht bekannt – dass ein Zwilling die Erkrankung deutlich später und milder entwickelt als der andere, ist gut vorstellbar, hier bewege ich mich aber am Rand meiner Expertise.

Nehmen Sie noch Patienten an?

Ja. Ich arbeite in einer Privatsprechstunde ausschließlich für diese Erkrankung. Das heißt: Ich rechne nicht über die gesetzlichen Krankenkassen ab – mindestens ein Drittel meiner Patientinnen und Patienten ist gesetzlich versichert und trägt die Kosten selbst, was im Allgemeinen gut machbar ist. Ob eine Behandlung bei Ihnen infrage kommt, lässt sich – gerade bei weiter Anreise – auch in einer ersten Videosprechstunde einschätzen.